Von der Kunst, die richtigen Fragen zu stellen: die Anamnese

Die Welt der Medizin ist eine des Wandels: Die Fachjournale sind voll von neuen Erklärungen und Erkenntnissen zu Krankheitsursachen, von neuen Heilmitteln, Operationstechniken und Therapien, von neuen Vorschlägen, wie die medizinische Versorgung verbessert werden kann. Daneben existieren aber auch Methoden und Verfahrensweisen mit teils jahrhundertealten Traditionen. Mit Idana setzen wir an einer dieser Praktiken an, die so alt ist wie die Heilkunst selbst – der Anamnese.

Schon der griechische Philosoph Sokrates wusste um die Wichtigkeit der richtigen Fragetechniken. Im Dialog Theaithetos lässt Platon den Weisen einen Vergleich anstellen: Wie eine Hebamme helfe er seinem Gesprächspartner dabei, seine Gedanken zu entwickeln – er leistet der Seele Geburtshilfe bei der Entwicklung ihrer Einsichten. Die sokratische Fragetechnik ist daher als Maeutik (von gr. maieutiké téchne), als Hebammenkunst, in die Philosophiegeschichte eingegangen.

Die Anamnese

Was das mit der Anamnese zu tun hat? Auch hier geht es darum, die richtigen Fragen zu stellen. Der Begriff Anamnese stammt aus dem Griechischen und meint in freier Übersetzung nichts anderes als die Befragung des Patienten durch den Arzt.  In jeder medizinischen Fachrichtung, von der Zahnmedizin über die Orthopädie bis hin zur Kardiologie, steht am Ausgangspunkt der Untersuchung stets das einleitende Gespräch zwischen Arzt und Patienten: Erhoben werden nicht nur die ‚harten‘ Fakten wie Alter, Gewicht oder bisherige Vorerkrankungen, sondern auch all diejenigen Informationen zum Privatleben des Patienten, die bei der Suche nach der richtigen Therapie hilfreich sein können. Das können Ernährungs- und Schlafgewohnheiten sein, aber auch die persönlichen Lebensumstände, etwa die Frage, ob ein Patient allein oder in einer Partnerschaft lebt, ob er am Schreibtisch arbeitet oder körperliche Arbeit leistet, sind meist unerlässliche Informationen, die dem Arzt die ‚Spurensuche‘ erleichtern.

Die zuverlässige Diagnostik

Sir William Osler, ein kanadischer Mediziner, der als „Vater der modernen Medizin“ die Arztausbildung revolutionierte, war überzeugt von der Bedeutung der Anamnese als eines der zuverlässigsten Diagnostika: „Listen to your patient, he is telling you the diagnosis.“ Diese Einsicht wurde durch klinische Studien inzwischen eindeutig belegt: Bereits 1975 versuchten der Forscher J. R. Hampton und sein Team den Prozess der Diagnose genau zu beleuchten (Hampton et al.: Relative contributions of history-taking, physical examination, and laboratory investigation to diagnosis and management of medical outpatients (1975)). Er ging dabei davon aus, dass Diagnosen von drei verschiedenen Komponenten abhängig sind, die je nach Krankheitsbild eine unterschiedliche Gewichtung erfahren: die körperliche Untersuchung auf Basis der Leitsymptome, die Untersuchung unter Zuhilfenahme laborativer Methoden und – wozu wohl auch Sokrates schon geraten hätte – die Erhebung der Patientengeschichte, die Anamnese. Hampton Jr konnte nachweisen, dass die Bedeutung der Anamnese für den Diagnoseprozess nicht zu unterschätzen ist. Selbst bei Krankheiten, über die letztlich nur das Labor einen eindeutigen Befunden liefern kann, lieferte die Anamnese vielfach erst die richtige Spur. Hampton ermunterte deshalb zu einer ausführlichen und gewissenhaften Anamnese, „knowing that extra time spent on the history is likely to be more profitable than extra time spent on the physical examination (Hampton et al. 1975: 489). Um auch nachfolgende Generationen von Ärzten für die Chancen der Anamnese zu sensibilisieren, appellierte er außerdem daran, das Einüben zielführender Fragetechniken in die medizinische Ausbildung zu integrieren.

Der Appell verklang nicht ungehört: Inzwischen gibt es zahlreiche Lehrbücher, die sich mit der Anamnese beschäftigen, an vielen Universitäten steht die Arzt-Patienten-Kommunikation auf dem Lehrplan für die ersten Semester – nicht nur anatomisches Wissen und ein Grundverständnis über die physiologischen Vorgänge im Körper soll den Studienanfängern vermittelt werden, auch die für den Therapieerfolg so wichtigen kommunikativen und sozialen Kompetenzen werden berücksichtigt. An der Universität Freiburg beispielsweise arbeiten Studierende mit von Schauspielern dargestellten „Übungspatienten“ zusammen und werden so an eine Situation herangeführt, die im Arztalltag, sei es in der Klinik oder in der Praxis, an der Tagesordnung steht.

Und auch von Patientenseite aus bildete eine gelungene Anamnese den Grundstein für eine erfolgreiche Therapie. Denn bei vielen Krankheitsbildern ist die Bereitschaft des Patienten zur Zusammenarbeit mit dem Arzt essentielle Voraussetzung für den Erfolg der Behandlung. Das gilt gerade bei langfristigen Therapien, die die pünktliche Einnahme von Medikamenten, das gewissenhafte Beobachten der eigenen Symptome oder die Veränderung bestimmter Gewohnheiten erfordern. Wurde bei der Anamnese versäumt, den Alltag des Patienten zu erfassen, so kann die vielversprechendste Therapieform ins Leere laufen, wenn sie mit seinem Lebensstil nicht kompatibel ist.

Die Problematik mit der Zeit

Was in der Theorie allgemein anerkannt ist, scheint jedoch im medizinischen Alltag schwer umsetzbar: Zeit ist innerhalb der nicht selten auf Rentabilität und Gewinnmaximierung ausgerichteten Krankenhaus- und Praxisprozesse zur Mangelware geworden. 2012 brachte der Ärztemonitor bedenkliche Zahlen ans Licht. Im Schnitt, so die deutschlandweit durchgeführte Studie, behandelten Fachärzte 38 Patienten pro Tag, bei Hausärzten sogar noch mehr: Rund 52 Patienten geben sich pro Arbeitstag die Klinke zum Sprechzimmer in die Hand. Dabei nimmt es nicht wunder, dass ein Großteil der Ärzte über Zeitmangel klagt. Nur 40 Prozent der befragten Ärzte gaben an, ausreichend Zeit für ihre Patienten zu haben, der Ärztemonitor zieht ein ernüchterndes Fazit: „Der Mehrheit der Ärzte steht nach eigener Einschätzung weiterhin keine ausreichende Zeit zur individuellen Behandlung der Patienten zur Verfügung.“ (Ärztemonitor 2012: 39, ).

Die Anamnese bleibt innerhalb des engen Zeitfensters, das für den einzelnen Patienten reserviert ist, meist auf der Strecke: Erhoben werden können allenfalls noch die Standarddaten, für tiefergehende Fragen, etwa nach der psychischen Verfassung, bleibt jedoch meist keine Zeit mehr. Stattdessen setzen viele Ärzte auf den Einsatz kostenintensiver Diagnostik, die vom Praxispersonal durchgeführt werden kann, während der Arzt sich schon dem nächsten Patienten widmet. Dass die aufwändige Diagnostik nicht nur teuer, sondern auch fehleranfällig ist, wird dabei gern übersehen: Labortests beispielsweise können falschpositiv ausfallen, belastende Folgeuntersuchungen mit sich ziehen und die Heilung hinauszögern. Die Folge? Deutsche Patienten sind vergleichsweise übertherapiert, doch trotz der immensen Summen, die im Gesundheitswesen aufgebracht werden, liegt Deutschland nur im OECD-Mittelfeld.

Die Lösung

Eine Aufwertung der Anamnese könnte Abhilfe schaffen und das Gesundheitssystem für alle Beteiligten merklich verbessern – und genau hier setzt Idana an: Unsere tablet-basierte digitale Anamnese-Software gestaltet die Routinen um und setzt Zeitpotenziale frei, die wieder in die Arzt-Patienten-Kommunikation investiert werden können. Idana stellt sicher, dass alle relevanten Fragen erhoben werden und ermöglicht es so, dem behandelnden Arzt sich auf das Wesentliche zu konzentrieren: den Patienten. Idana als modernes Hilfsmittel, das einer erfolgreichen Anamnese Geburtshilfe leistet – Sokrates hätte es gefallen.

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